Das Thema Armut beschäftigt mich zur Zeit. Als unser Professor uns vor ein paar Wochen die Aufgabe stellte, ein Manifest zu schreiben – einen Katalog von Thesen, die etwas mit Design zu tun haben sollten – entschied ich vielleicht deshalb, ein Manifest für Bettler zu schreiben.
Ich stellte mir vor, nach welchen Regeln ein Bettler vorgehen muss, um Erfolg zu haben. Nicht, dass ich das wirklich einschätzen könnte. Nicht, dass ich wüsste, mit welchen Problemen sich Bettler herumschlagen. Nicht, dass ich mir anmaßte, sie zu verstehen. Es war ein Gedankenexperiment.
Manifest für Bettler
- Hab ein dickes Fell
Die Menschen begegnen dir entweder mit Mitleid oder Gleichgültigkeit oder mit Verachtung. Angenehm ist nichts davon.- Design ist alles
Die Entscheidung zum Spenden fällt in Sekundenbruchteilen. Dein Aussehen bestimmt den Erfolg.- Sei freundlich
Menschen, die etwas geben, wollen wahrgenommen werden. Zeige ihnen vor dem Spenden, dass du sie siehst. Zeige ihnen nach dem Spenden, dass du dankbar bist. Wenn sie nicht spenden, werde nicht unfreundlich. Das bringt ja doch nichts.- Gib das Gefühl, dass Spenden hilft
Der Spender muss das Gefühl haben, dass er ein wichtiges Bedürfnis stillt. Wenn du vom Geld Bier kaufen willst, dann tu das heimlich. Verstecke die Flaschen.- Sieh arm aus
Man muss dir ansehen, dass du Hilfe brauchst. Verwaschene und löcherige Kleider und Schuhe sind deshalb eine gute Idee. Leere von Zeit zu Zeit dein Geldgefäß, damit du nicht zu erfolgreich wirkst.- Sieh nicht gefährlich aus
Keiner spendet gerne, wenn er Angst hat, dass dein Kampfhund ihm dabei an den Hals springt.- Ein gutes Schild ist die halbe Miete
Wer dein Schild liest, beschäftigt sich mit dir. Das ist dein Gewinn. Schreibe kurz und lesbar. Ein handgeschriebenes Schild ist authentischer als eines aus dem Copyshop.- Weihnachtszeit ist Hauptsaison
Das Bedürfnis der Menschen, sich durch Spenden gut zu fühlen ist größer denn je.- Du bist allein
Du bist auf dich selbst gestellt. Es gibt keine Bettlergewerkschaft, keine Arbeitsunfähigkeitsversicherung und keinen Anspruch auf Elternzeit für Bettler. Mach das beste draus.
Aus diesem Gedankenexperiment wurde ein Projekt. Wir bekamen zwei Wochen Zeit, um unser Manifest in die Tat umzusetzen. Ich beschloss, zwei Stunden betteln zu gehen. Dabei ist das Video entstanden, das ihr oben seht. Ohne Marc, der mit der versteckten Kamera tolle Bilder gemacht hat, hätte das übrigens nicht geklappt.
Zwei Stunden lang die Leute von unten zu sehen ist zwar seltsam, aber nicht schlimm. Man friert ein bisschen und die Leute schauen einen schief an oder sagen einen fiesen Satz. Aber andere Menschen machen das jeden Tag durch. Manche, weil sie es wollen, andere, weil sie nicht anders können. Wenn ich etwas mitnehme aus diesem Projekt, dann das: Ich habe es warm, ich habe zu essen, ich habe Freunde. Es geht mir verdammt gut. Tut gut, mal so die Perspektive zu korrigieren.
Oh, und noch etwas: Punkt 9 ist im Manifest nicht richtig. Es gibt Leute, die einem helfen wollen. Das fand ich schön. Zu denen will ich auch gehören.
Wie geht ihr mit Bettlern um?
maria am 21.12.09 um 11:12
janniz am 21.12.09 um 16:26
litha am 21.12.09 um 20:58
krischan am 22.12.09 um 00:23
Andrea am 23.12.09 um 12:44
maze am 24.12.09 um 16:35
timi am 29.12.09 um 15:35
der Brite am 03.01.10 um 14:48
Marc am 11.01.10 um 00:03
esbjoern am 23.01.10 um 09:41
krischan am 25.01.10 um 23:26
maze am 25.01.10 um 23:42
simönchen am 21.02.10 um 09:31
maze am 21.02.10 um 13:37
Markus am 31.03.10 um 23:51
maze am 01.04.10 um 10:12
www.best-practice-business.de/blog » Wie kann die Höhe der Spende für einen Obdachlosen beeinflusst werden? am 13.07.10 um 14:30